Ulrike Renk: Jahre aus Seide. Das Schicksal einer Familie. Roman

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Vandam
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Ulrike Renk: Jahre aus Seide. Das Schicksal einer Familie. Roman

Beitrag von Vandam » Di 26. Feb 2019, 13:40

Ulrike Renk: Jahre aus Seide. Das Schicksal einer Familie. Roman. Berlin 2018, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3441-8, Softcover, 563 Seiten, Format: 13,3 x 4,3 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

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„Wie schön ihr es hier habt.“
„Und ich hoffe, wir werden hier bis an das Ende unserer Tage wohnen können“, sagte Martha.
„Ja, wenn Hitler abtritt, hast du vielleicht die Möglichkeit; ansonsten sehe ich schwarz“, sagte Hedwig bedrückt.
(Seite 376)

Es steht schon auf dem Cover: „Eine dramatische Familiengeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht“. Den Verlauf der Geschichte hat also das Leben vorgegeben. Es bringt daher nichts, sich bei der Autorin darüber zu beschweren, dass das Schicksal ungerecht zu den Romanfiguren war. Ulrike Renk hat sich das, was der Familie Meyer widerfuhr, nicht ausgedacht, sondern für uns recherchiert und – mit kleineren künstlerischen Freiheiten, wo dies aus dramaturgischen Gründen erforderlich war – als Roman aufbereitet.

Dies vorweg. Und: Es ist Band 1 einer dreiteiligen Reihe, die noch nicht vollständig vorliegt. Die Geschichte der Heldin ist mit diesem Band noch nicht abgeschlossen, das Buch hört mit einem „Cliffhanger“ auf. Band 2 soll im Sommer 2019 erscheinen, Band 3 im Frühjahr 2020.

So, nun weiß jede/r, was bei dieser Lektüre auf sie/ihn zukommt und wir können uns dem Inhalt zuwenden.

Behütete Kindheit in bürgerlicher Familie
Krefeld in den 1920er und 1930er Jahren: Familie Meyer ist eigentlich gar nichts Besonderes. Es sind fleißige, unauffällige, wohlhabende Geschäftsleute. Karl Meyer (*1888), eine Seele von einem Mann, arbeitet als selbstständiger Handelsvertreter und ist die meiste Zeit unterwegs. Seine Frau Martha (*1897) kümmert sich derweil mit Unterstützung von Köchin, Zugehfrau und Kindermädchen um den Haushalt, um die beiden Töchter Ruth (*1921) und Ilse (*1924) und um den Hund. Sie pflegt die Kontakte zu Freunden und Verwandten und, wenn noch Zeit bleibt, ihre kulturellen Interessen.

Die Probleme der Meyers sind auch ganz normal: gelegentlicher Ärger mit dem Personal, Krisen in der Verwandtschaft, das permanente Gemecker von Marthas Mutter, mit der es anscheinend außer Karl und Martha kein Mensch aushält. Außerdem sind die beiden Meyer-Töchter so unterschiedlich, dass sie nicht besonders gut miteinander klarkommen. Ruth ist kontaktfreudig und steht überall gleich im Mittelpunkt, was sie sehr genießt. Ilse ist eher still und introvertiert. Dass sie sich an Ruth klammert, weil es ihr schwer fällt, eigene Freunde zu finden, passt der großen Schwester natürlich nicht. Und Mutter Martha versucht zu vermitteln.

Durch einen Nachbarn, den Textilfabrikanten Richard Merländer, entdeckt Ruth schon im Grundschulalter ihre Vorliebe für edle Stoffe. Großmutter Wilhelmine bringt ihr das Nähen bei, und Ruth erweist sich als überaus talentiert und kreativ. Ihre Zukunft sieht sie allerdings nicht in der Bekleidungsbranche, sondern im akademischen Bereich. Sie kommt aufs Lyzeum und will studieren. Was, das weiß sie noch nicht so genau. Und ob Jugendfreund Kurt schon der Mann fürs Leben ist, ist auch noch offen.

Das Problem: Meyers sind Juden
Alles in allem ist das eine unspektakuläre bürgerliche Existenz. Die Meyer-Mädchen erleben eine behütete Kindheit in einer liebevollen Familie. Doch es kommen zwei Dinge zusammen, die zum Drama führen: die Herrschaft der NSDAP und die Tatsache, dass Meyers Juden sind. Das spielt zwar allenfalls an den Feiertagen eine Rolle für sie, aber das macht ja für die Nazis keinen Unterschied.

Die Einschränkungen und die Schikanen, denen Meyers ausgesetzt sind, die Unsicherheit und die Angst werden immer größer. Die ersten Freunde und Verwandten planen bereits, Deutschland zu verlassen, oder sie erwägen dies zumindest.

Die Diskussionen darüber verfolgen wir aus der Sicht der verunsicherten Kinder, die das eine oder andere Erwachsenengespräch aufschnappen. Ist die Lage tatsächlich so schlimm, dass man alles aufgeben und in der Fremde neu anfangen muss? Oder kann man Hitler aussitzen? Und wenn nicht, wo soll man hingehen? Nach Palästina? Das ist erst im Aufbau. Für das Leben im Kibbutz braucht man junge Leute, die in der Landwirtschaft anpacken können, keine mittelalten Städter, die nur was vom Geschäft verstehen. Amerika? Hat selber eine Wirtschaftskrise. Wovon soll man dort leben, vor allem, wenn man nicht mehr so jung ist und die Sprache nicht gut spricht?

Die halbe Welt wird daraufhin abgeklopft, ob sie sich als Zufluchtsort eignen könnte.

Flüchten oder bleiben?
Die Großelterngeneration will sowieso nirgendwo anders mehr hin. Wer würde ihnen auch hier in Deutschland etwas antun, den Veteranen des 1. Weltkriegs und den Soldatenwitwen? Textilfabrikant Merländer wähnt sich gar sicher, weil er nicht gläubig ist. Als LeserIn weiß man, wie sehr sie sich irren und muss hilflos zusehen, wie diese Menschen in ihr Unglück rennen. Das macht die Lektüre teilweise schwer erträglich. Das ist bei diesem Thema so.

Eltern sollten Ruhe und Zuversicht ausstrahlen und ihren Kindern Sicherheit geben. Wenn sie selbst ratlos und verängstigt sind, hat das natürlich Auswirkungen auf den Nachwuchs. Ruth, Ilse und ihre Freunde machen sich große Sorgen. Sie versuchen, zu begreifen, was hier passiert und wissen nicht, wie sie diesen unsicheren Zeiten Zukunftspläne machen sollen. Gelegentlich verdrängen sie alle Ängste, um nicht verrückt zu werden. Sie feiern, flirten und genießen den Moment wie andere junge Menschen auch.

Wie erklärt man Kindern Rassismus?
Man kommt in diesem Buch der Familie Meyer sehr nahe. Und weil das so ist, erscheint einem dieser Rassismus vollkommen absurd. Das ist sehr gut gemacht. Verflixt nochmal, denkt man, das sind doch Leute wie du und ich – was haben die anderen auf einmal für ein Problem mit denen? Das fragen sich natürlich auch Ruth und Ilse, die vorher noch nie mit nennenswerten Vorurteilen, Schikanen oder gar Bedrohungen konfrontiert worden sind. Sowohl die Eltern als auch das christliche Kindermädchen Leni scheitern daran, den Mädchen das Prinzip „Rassismus“ schlüssig zu erklären. Weil’s nicht erklärbar ist - zumindest nicht Kindern.

1935 beginnt Ruth, Tagebuch zu führen. Und 1938 kapieren dann die letzten Zauderer in ihrem Umfeld, dass es jetzt allerhöchste Zeit wird, das Land zu verlassen. Wenn es nicht schon zu spät ist ...

Damit wir LeserInnen die Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Bediensteten im Überblick behalten, gibt es vorn im Buch ein Personenverzeichnis, in dem man kurz nachschlagen kann. Das ist nicht allzu oft nötig, man hat schnell heraus, wer hier wer ist. Und nicht verwirren lassen: Martha Meyer hieß auch vor ihrer Ehe schon Meyer. Das ist nun mal ein häufiger Name, hier abgeleitet von hebräisch „Meïr“ = erleuchtet. Und deshalb heißen ihre wie seine Verwandten so. (Kein Autor würde es wagen, sich das auszudenken!)

Wie die Geschichte zur Autorin fand
Wie die Autorin auf die Geschichte der Familie Meyer gestoßen ist – oder soll man sagen, wie die Geschichte sie gefunden hat? – das erzählt sie uns im Nachwort. Da ist man selbst als streng rationaler Mensch geneigt, an Schicksal zu glauben.

Ich könnte mir vorstellen, dass es Ruth gefallen hätte, dass wir ihre Lebensgeschichte und die ihrer Familie nun in einer so sorgfältig recherchierten Romantrilogie nachlesen können. Sie selbst ist ihr Leben lang dafür eingestanden, dass ihre Vergangenheit niemals vergessen wird. Und Ulrike Renks mitreißende und berührende Buchreihe wird sicher dazu beitragen, diesem Ziel ein ganzes Stück näher zu kommen.

Ich hatte schon im Vorfeld ein bisschen was über Ruth Meyer gelesen und hätte sie sehr gerne kennengelernt. Sie muss eine wirklich eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Nach diesem ersten Band ahne ich, wie sie zu dem wurde, was sie war. Und so schwer mir die Lektüre manchmal fällt, weil mir die Geschichte so nahe geht: Ich liebe Ruth - und ich warte mit Spannung auf die Fortsetzungen!

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga und ihre Ostpreußen-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

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