Viola Eigenbrodt: Marmor, Wein und Bienengift. Ein Krimi aus Südtirol

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Vandam
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Viola Eigenbrodt: Marmor, Wein und Bienengift. Ein Krimi aus Südtirol

Beitrag von Vandam » Mo 12. Aug 2019, 11:43

Viola Eigenbrodt: Marmor, Wein und Bienengift. Ein Krimi aus Südtirol, Perouse 2019, Independently published, ISBN 978-107456855-9, 247 Seiten, Softcover, Format: 12,7 x 1,6 x 20,3 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle: EUR 4,99.

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Eigentlich will der Hobby-Bildhauer Hans Krämer nur mal schnell sehen, ob er im Steinbruch von Laas ein paar Marmor-Reste für seine künstlerische Arbeit abstauben kann. Als er dabei über die Leiche einer jungen Frau stolpert, ist das Entsetzen groß. Dass sich der cholerische Steinbruchbesitzer Martin Gufler so fürchterlich aufführt, weil die polizeilichen Ermittlungen seine Arbeit behindern, macht die Sache nicht leichter.

Die Frau wurde derart übel zugerichtet, dass erst die Rechtsmedizinerin Dottoressa Lucrezia di Lorenzini herausfindet, um wen es sich handelt: Um die prominente Paralympics-Bogenschützin Monica Kofler, 23, Tochter eines örtlichen Winzers und SVP-Politikers.

Wie kam Tote in den Steinbruch?
Das war kein Unfall. Die junge Frau war seit ihrer Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Sowohl dieser als auch ihr Auto sind verschwunden. Wie also ist Monica in den Steinbruch gekommen? Und wenn sie anderswo ermordet wurde, warum hat man sie dann in hierher gebracht, wo die Arbeiter sie spätestens bei Schichtbeginn finden würden? So versteckt man keine Leiche.

Trotz personeller Engpässe und persönlicher Krisen muss die Kripo in Meran den Fall schnellstmöglich aufklären. Weil Kommissarin Lolita Mitteregger auf unbestimmte Zeit ausfällt, ermittelt Kommissar Matthias Ohnewein abwechselnd mit seinem Kumpel Maresciallo Franco Marini von der Carabinieri-Station und mit Hubert Pixner, dem charismatischen und leicht exzentrischen Leiter der Meraner Polizeistation.

Kleiner Hinweis für die Kenner*innen von Viola Eigenbrodts erstem Südtirolkrimi, ROSENGESCHMACK: Die zickige und manipulative Mittereggerin fehlt kein bisschen. Ihre Kollegen erledigen den Job sehr effizient und unaufgeregt, wenn sie nicht da ist.

Wer tötet eine beliebte Sportlerin?
Leicht haben es die Polizisten trotzdem nicht, denn Monica Kofler war beliebt und angesehen. Niemand kann sich vorstellen, wer ihr so etwas Schreckliches angetan haben könnte. Also muss in alle erdenklichen Richtungen ermittelt werden: Hat man sie getötet, um ihrem Vater beruflich zu schaden? Wer weiß schon, wozu „Parteifreunde“ und Geschäftspartner fähig sind? Waren es Radikale, die in Menschen mit Behinderung „unwertes Leben“ sehen? Oder hat der Mord mit lange schwelenden Konflikten zwischen zwei alteingesessenen Familien zu tun? An solche privaten Informationen kommt man als Außenstehender nur schlecht heran, und entsprechend schwer tut sich die Polizei.

Ach ja, und in welchen Kreisen hat sich eigentlich Monica zuletzt bewegt? Man berichtet von erschreckenden Veränderungen ihrer politischen Einstellung in jüngster Zeit. Wer hat sie dahingehend beeinflusst? Sie soll ja einen Freund gehabt haben, einen Mann mit speziellen Vorlieben. Aber niemand weiß angeblich, wer er ist.

Zwei Außenseiter wissen mehr
Doch in einer Gemeinschaft geschieht selten etwas vollkommen unbemerkt. Es gibt immer Leute, die etwas wissen, und wer niemandem verpflichtet ist, ist unter Umständen bereit zu reden. So auch in diesem Fall. Die deutsche Journalistin Christa Rossi, die Monica Kofler beruflich kannte, meldet sich aus eigenem Antrieb der Polizei und hat ein paar interessante Informationen zu bieten. Nicht ganz so freiwillig teilt die kräuterkundige Elisabeth Premstaller, die „Hexe vom Sonnenberg“ ihr Wissen. Sie hat ihre Gründe, der Polizei gegenüber zurückhaltend zu sein.

So langsam sehen die Ermittler klarer. Im Umfeld der Ermordeten ist vieles nicht so, wie es scheint – und manches nicht so, wie es sein sollte. Und auch, wenn erfahrenen Polizeibeamten nichts Menschliches fremd ist, kommen Matthias Ohnewein und seine Kollegen bei diesem Fall aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Als Leser*in lernt man ebenfalls dazu – und ertappt sich dabei, die Tat zwar nicht gut zu heißen, aber verstehen zu können, wie das alles gekommen ist. Aus Lügen, Geheimnissen und der Angst oder Unfähigkeit, unbefriedigende Lebensumstände zu ändern, wird gern mal eine Tragödie.

Starke Frauen, ungewöhnlicher Schauplatz
Nachdem die ersten beiden Frauen, denen wir im Roman begegnen, so richtig unsympathische Ziegen sind – die Lebensgefährtin des Leichenfinders und die Polizistin Mitteregger – hätte ich die Autorin um ein Haar der Frauenfeindlichkeit verdächtigt. ;-) Natürlich gibt’s blöde Weiber, das wissen wir alle. Aber wir lesen viel lieber etwas über starke Frauen! Die kommen dann auch: Polizistengattin Elena Pixner, klug, entspannt und humorvoll. Journalistin Christa Rossi, selbstbewusst, sachlich und mit großer Menschenkenntnis. Und dann ist da noch „Kräuterhexe“ Elisabeth Premstaller. Nicht mehr ganz jung, ein bisschen beunruhigend und mit einer Ausstrahlung, die niemanden kalt lässt. Dieses Romanpersonal kann sich sehen lassen – und es bringt die Handlung voran.

Als Leser*innen haben wir gegenüber der Polizei einen kleinen Informationsvorsprung. Wir wissen ein bisschen mehr über Monicas Leben als die Ermittler. Doch wie das alles zusammenhängt und wer die Tat begangen hat, das erfahren auch wir erst zum Schluss. Da Südtirol eher selten als Krimischauplatz dient und wir mit den dortigen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht so vertraut sind, hätte auch alles ganz anders sein können ...

Liebe Südtiroler, so spannend und außergewöhnlich macht bitte weiter! Bei einem dritten Fall wäre ich gern wieder dabei.

Die Autorin
Viola Eigenbrodt ist Journalistin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Schriftstellerin. Mit ihrer Familie hat sie einige Jahre in Meran gelebt und gearbeitet. Sie kennt Land und Leute gut, die eigenwilligen Charaktere, die manchmal altertümlich anmutende Sprache und die liebenswerten Marotten der Bewohner der sonnigen Alpensüdseite. Heute lebt sie auf dem Lande in der Nähe von Stuttgart in einem fast 200 Jahre alten Haus, wo sie Ruhe zum Schreiben und Erfinden immer neuer Geschichten gefunden hat.

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