Ernstfried Hanisch: In jeder Mücke steckt ein Elefant. Warum wir uns nicht grundlos über Kleinigkeiten aufregen

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Vandam
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Ernstfried Hanisch: In jeder Mücke steckt ein Elefant. Warum wir uns nicht grundlos über Kleinigkeiten aufregen

Beitrag von Vandam » Mo 19. Aug 2019, 16:59

Ernstfried Hanisch: In jeder Mücke steckt ein Elefant. Warum wir uns nicht grundlos über Kleinigkeiten aufregen, aktualisierte und erweiterte Ausgabe, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-34950-5, Softcover, 235 Seiten, Format: 13,4 x 2,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 9,90 (D), EUR 10,20 (A), Kindle: EUR 8,99.

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Abb. © dtv

Manchmal kann man sich nur wundern: Man sagt zu einem Mitmenschen etwas völlig Harmloses, und der regt sich fürchterlich darüber auf. Irritiert fragt man sich, was man denn falsch gemacht hat. Die Antwort ist: nichts! Was für den einen eine „Mücke“ ist, hat für den Gesprächspartner aufgrund seiner persönlichen Vorgeschichte eine viel größere Bedeutung. Für ihn ist das ein „Elefant“. Und auf den reagiert er.

Nichtiger Anlass, große Aufregung
Unvergessen ist für mich das Beispiel, mit dem uns vor mehr als 40 Jahren unserer Psychologielehrer das Phänomen veranschaulicht hat: Er hatte seine Freundin beim Essen höflich gebeten, ihm das Salz zu reichen – und dafür einen tüchtigen Anschiss kassiert. Sie sei nicht sein Dienstmädchen, sein Salz könne er sich gefälligst selber holen. Der arme Mann war völlig perplex. Im Nachhinein hat sich dann herausgestellt, dass der verstorbene Vater der Frau ein regelrechter Haustyrann war, der seine Familie herumkommandierte und sich von vorn bis hinten bedienen ließ. Die Bitte um Salz löste in der Freundin negative Erinnerungen und Empfindungen aus, die viel mit ihren Problemen als Kind zu tun hatten und wenig mit dem Partner, mit dem sie gerade am Tisch saß.

Bei anderen Menschen erkennt man recht schnell, wenn sie auf ihre ganz persönlichen „Elefanten“ treffen, wo doch nur eine Mücke im Raum ist. Aber wie ist das bei uns selbst? Wo sind unsere wunden Punkte, die uns überreagieren lassen? Wenn wir auf unsichtbare Elefanten reagieren, irritieren wir nicht nur unsere Mitmenschen, sondern tun uns auch selbst keinen Gefallen. Es bringt uns nicht weiter, mit alten Mustern und überkommenen Bewältigungsstrategien gegen vor langer Zeit erlittene Verletzungen anzugehen.

Auf der Suche nach den Elefanten
Wie aber finden wir unsere Elefanten? Intelligenz hin, Selbstkritik her – wenn das so einfach wäre, bräuchte man keine Psychologen. Oft liegt das Problem an ganz anderer Stelle, als man selbst vermutet. Und weil ein Sachbuch nun mal nicht nachhaken und rückfragen kann, wie ein Therapeut es könnte, arbeitet der Autor mit Fallbeispielen, die uns durchs ganze Buch begleiten. In denen kann man seine eigenen Themen möglicherweise wiedererkennen. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Fragebogen, mit deren Hilfe man seine eigene Situation einschätzen kann.

Der Autor erkennt und benennt, welche Hilfe ein Buch leisten kann und welche nicht. Er verweist auch darauf, dass es Grenzen gibt, die man ohne professionelle Hilfe nicht im DIY-Prinzip überschreiten sollte. Niemand sollte allzu schmerzhafte Erinnerungen ausbuddeln oder gar glauben, er könne sich im Falle von Missbrauchs- oder Misshandlungserfahrung mit einem Sachbuch selbst therapieren. Dieser Ratgeber ist „nur“ für Feld-, Wald- und Wiesen-Elefanten gedacht.

Häufig vorkommende Rüsseltiere
Diese „Elefanten“ entstehen aus früher Frustration wichtiger Bedürfnisse. Daraus entwickeln sich Schlussfolgerungen, eventuell Ängste und Selbstschutzmaßnahmen, die sich im Lauf des Lebens oft als kontraproduktiv erweisen.

Sieben häufig vorkommende Rüsseltiere werden näher beschrieben:
  • 1. Die Angst, Geborgenheit zu verlieren,
  • 2. Das Gefühl, nicht respektiert zu werden,
  • 3. Die Unfähigkeit, sich von anderen abgrenzen zu können,
  • 4. Das Gefühl, nicht wertgeschätzt und beachtet zu werden,
  • 5. Der Eindruck, nicht dazu zu gehören,
  • 6. Das Gefühl, immer zurückstehen zu müssen,
  • 7. Das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein: „Niemand ist für mich da“.
Mancher Leser wird sich spontan im einen oder anderen Menschen aus den Fallbeispielen wiedererkennen, andere müssen einen längeren Weg gehen, um die eigenen Grundbedürfnisse zu erkennen und ihre Elefanten zu finden. Dazu dienen unter anderem die Fragebogen.

Fragebogen und Energiekreis
Ich empfand es als schwierig, Gefühle, Eindrücke und Eigenschaften in eine Skala zwischen 1 und 7 pressen. Das ist ja nicht immer so eindeutig. Was, wenn es einen Bruch im Leben gab? Reden wir von „davor“ oder „danach“? Soll ich einen Mittelwert ausrechnen, wenn es mal extrem gut und mal extrem schlecht lief? Dann kann ich ja gleich überall die 4 ankreuzen, das führt zu nichts. Hier fehlt dann die Möglichkeit, bei einem Menschen rückfragen zu können und das Konzept „Ratgeber“ kommt an sein Limit.

Interessant wenn auch aufwändig ist die Idee, zu ermitteln und zu visualisieren („Energiekreis“), womit man eigentlich seine Zeit verbringt. Dazu schreibt der Autor: „Sie werden möglicherweise feststellen, dass manche Energiefresser wenig zu Ihrer persönlichen Befriedigung beitragen, andere Bereiche, die Ihnen ein Gefühl von Zufriedenheit vermitteln, dagegen zu kurz kommen.“ (Seite 126) Das klingt jetzt ein bisschen nach Binsenweisheit. Aber wenn man mal schwarz auf weiß sieht, was genau man alles tut oder unterlässt, kann einem das schon die Augen öffnen – so wie „Sebastian“ aus einem der Fallbeispiele.

Wie man Elefanten zähmt
Wenn man seine Schwachstellen erkannt und seine Elefanten sichtbar gemacht hat, kann man einen angemessenen Umgang mit ihnen erlernen. Wie man die alten, untauglich gewordenen Selbstschutzprogramme durch neue Muster und neue Wege der Problemlösung ersetzt, zeigt uns das Buch. Wie man vermeidet, ins andere Extrem zu fallen, erfahren wir ebenfalls. Denn wenn aus einem ängstlichen und schüchternen Menschen plötzlich ein rücksichtsloser wird, hat er nur ein Problem gegen das andere eingetauscht. Das ist nicht Sinn der Sache. Man will ja erreichen, dass eine Mücke eine Mücke bleibt und einen die Elefanten nicht mehr plagen.

Wie bei allen psychologischen Ratgebern gilt auch hier: Das hilft bei kleineren „Macken“. Wenn ich verstehe, dass mich die Kollegin oder Nachbarin auf die Palme bringt, weil sie im gleichen vorwurfsvollen Ton mit mir spricht wie meine Mutter früher, dann ist es schon denkbar, dass sich dieser Elefant auf Mückengröße reduzieren lässt. Stecken wirklich schlimme Kindheitserlebnisse hinter der eigenen Überreaktionen oder ist man außerstande, selbst die Ursache für seine Probleme zu finden, sollte man dem Rat des Autors folgen und nicht alleine herumdoktern, sondern sich professionelle Hilfe suchen.

So interessant die Elefantenjagd ist – ein bisschen frage ich mich, wem ich das Buch empfehlen kann. Wer sich schon eine Weile mit Psychologie beschäftigt, für den ist nicht so wahnsinnig viel Neues dabei. Absolute Anfänger dürften ein wenig überfordert sein – und wer wirklich ein ernsthaftes Problem mit unerfüllten Bedürfnissen und seelischen Verletzungen hat, der ist, wie der Autor zugibt, mit einem kompetenten (professionellen) Gesprächspartner besser bedient.

Der Autor

Dr. Ernstfried Hanisch hat 30 Jahre Berufserfahrung als Psychotherapeut in Einzel-, Gruppen- und Paartherapie, er ist Ausbilder für Psychotherapeuten als Seminarleiter, Lehrtherapeut und Supervisor. Er praktiziert in München und gehört dem Ausbildungsinstitut München für Verhaltenstherapie (AIM) als Vorstandsmitglied an.

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