Johanna von Wild: Der Getreue des Herzogs

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ann-marie
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Registriert: Mi 26. Feb 2020, 06:28

Johanna von Wild: Der Getreue des Herzogs

Beitrag von ann-marie »

Eine gelungene, spannende und ereignisreiche historische Zeitreise

Johanna von Wild zeichnet in ihrem Roman den Lebenslauf des ehemaligen Landesfürsten Ulrich von Württemberg nach. Sie verknüpft die historisch verbürgten Ereignisse sehr geschickt mit der fiktiven Person Johannes, der als Arzt tätig ist und sich durch einen bereits in Kindertagen geschlossenen Bund mit Ulrich zu lebenslanger Freundschaft mit ihm bekennt.
Ulrich, bereits als Elfjähriger zum Herzog von Württemberg eingesetzt und zunächst unter Vormundschaft von Vertretern der Stände, wird bereits nach 6 Jahren vorzeitig für volljährig erklärt und erringt nur ein Jahr später als erfolgreicher Heerführer einen Sieg, mit dem er sein Herzogtum vergrößert. Er entwickelt sich zu einem Herrscher, der den Luxus liebt und sich diesen vor allem durch Steuererhöhungen bezahlen lässt, für die letzten Endes die hart am Existenzminimum lebenden Menschen aufkommen müssen. Ulrich, umgeben von Ratgebern, die offensichtlich nicht das Wohl der notleidenden Bevölkerung sondern ihren eigenen beruflichen und finanziellen Vorteil aus ihrer Nähe zum Herzog ziehen, fühlt sich sein ganzes Leben lang seinem Freund Johannes verbunden. Auch wenn die beiden wesensmäßig nicht unterschiedlicher sein könnten und die Aufforderung Ulrichs zu einem Besuch an seinen Freund eher einem Befehl als einer Einladung gleicht. Johannes Bestreben, bei diesen Treffen mit sinnvollen, wohlüberlegten und durchdachten Vorschlägen seinen Freund, Herzog Ulrich, von einem herrschsüchtigen, ignoranten, verschwenderischen und zum Teil sehr grausamen Landesherrn zu einem verantwortungsvollen und fürsorglichen Landesvater zu „bekehren“ scheitert jedes mal kläglich. Hat Johannes doch in dem letztendlich zum Kanzler aufgestiegenen sadistisch veranlagten Ambrosius Volland einen erbitterten Widersacher, mit dem zu allem Überfluss auch noch Johannes große Liebe, Sophie, verheiratet wurde und diese im Verlauf ihrer Ehe schier unfassbares erleiden musste.
Mit Hilfe der Autorin habe ich einen deutschen Adligen kennenlernen können, der mir bisher völlig unbekannt war, in Baden-Württemberg mit Sicherheit jedoch noch über einen großen Bekanntheitsgrad verfügen wird. In ihrem Roman gelingt es ihr auf eine faszinierende Weise, sein Leben und Wirken mit Hilfe einer fiktiven Person, dem treuen Freund Johannes, überaus gekonnt, fesselnd aber auch teilweise sehr berührend darzustellen. Dabei werden die Lebensumstände der immer größer werdenden Not der Bevölkerung und die sich daraus ergebenden Folgen so mancher herzoglichen Entscheidung mit sehr viel geschichtlichem Hintergrundwissen aufbereitet und vorgestellt. Es gelingt beim Lesen problemlos, den aufkommenden Aufruhr und die Proteste nachvollzuziehen, die oft grausam durch den Herzog beendet wurden. Und man liest schon mal fassungslos von so mancher Fehlentscheidung des Herzogs und bleibt voller Unverständnis, ja sogar Wut, gegenüber den Ratgebern des Herzogs, zurück.
Im Gegensatz dazu Johannes, der – so scheint es mir – sich nicht ohne Grund für den Beruf eines Arztes entschieden hat. Gelingt ihm auf diese Weise nicht nur die Heilung körperlicher Gebrechen, vor allem auch der armen Bevölkerung. Ihm offenbart sich durch seinen Weitblick, seine jedem Menschen, unabhängig von dessen Stand, zugewandte Aufmerksamkeit und Empathie so manche verborgene Not. Sehr interessant und bereichernd in diesem Zusammenhang die – nach heutiger Sicht – doch sehr eingeschränkten, aber erstaunlicherweise sehr effektiven Therapiemöglichkeiten. Wobei die Autorin ein besonderes Geschick darin beweist, dass sie Symptome von Erkrankten im Rahmen der damaligen medizinischen Erkenntnisse so verständlich formuliert, dass ich mir als medizinischem Laien durchaus zutraue, eine Diagnose zu stellen. Wobei es sich bei den beschriebenen Leiden um Erkrankungen handelt, die auch heute vorkommen und behandelt werden (müssen).
Neben hervorragenden, informativen, aufschlussreichen, spannenden und fesselnden Einblicken in die konkreten Ereignisse der Herrschaft Ulrichs von Württemberg wird auch die besondere Liebesgeschichte zwischen Johannes und Sophie erzählt. Fast 20 Jahre musste Johannes mit der Suche nach dem Verbleib seiner großen Liebe verbringen. Wobei es immer wieder zu größeren oder kleineren Unterbrechungen kam, deren Ursachen in den damaligen Zeitumständen und auch dem Wesen und der Lebensphilosophie von Johannes zu finden sind.
Eine besondere Bedeutung hat der Roman für mich auch durch die Berücksichtigung der Reformation gefunden. Wurde doch von Herzog Ulrich die Reformation in Württemberg eingeführt. Dabei war ihm die Unterstützung durch Philipp von Hessen eine große Hilfe und die historisch sehr bedeutsamen Gelehrten Martin Luther, Huldrych Zwingli und Philip Melanchthon erfahren eine würdigende Beachtung. Für mich persönlich eine wertvolle Bereicherung, da diese geschichtlich wichtigen Ereignisse auf eine sehr verständliche Weise aufbereitet und beschrieben wurden.
Dieser Roman stellt für mich eine Geschichtsstunde vom Feinsten dar. Ein mir unbekannter, teilweise unsympathischer Herrscher wird mir vorgestellt, dessen späteres Wirken von großer Bedeutung war und Auswirkungen auf das ganze Herrschaftsgebiet hatte. In einem sehr flüssigen, verständlichen Schreibstil, der im Sprachgebrauch historischen Gegebenheiten und Gepflogenheiten hervorragend angepasst wurde. Es gelingt mühelos, lesend in die Zeit Ende 15./Anfang 16. Jahrhunderts einzutauchen und die Geschehnisse mitzuerleben. Sehr genau recherchiert – bis in Kleinigkeiten. Und gerade diese haben mich immer wieder in ihren Bann gezogen, da die Autorin auf die entsprechenden Fundstellen verweist und so die Glaubwürdigkeit des Gelesenen bestätigt wird.

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