Ulrike Renk: Träume aus Samt. Das Schicksal einer Familie, Seidenstadt-Saga Band 4

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Vandam
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Ulrike Renk: Träume aus Samt. Das Schicksal einer Familie, Seidenstadt-Saga Band 4

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Ulrike Renk: Träume aus Samt. Das Schicksal einer Familie, Seidenstadt-Saga Band 4, Berlin 2020, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-3698-6, Softcover, 575 Seiten, Format: 13,6 x 4,3 x 21 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

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August 1940 – Die 19-jährige Krefelder Jüdin Ruth Meyer hat es geschafft: Sie hat nicht nur ihre Eltern und ihre jüngere Schwester Ilse zu sich nach England holen können, sie sind jetzt tatsächlich an Bord der Scythia, die sie von Liverpool in die USA bringen wird! In Chicago warten schon Freunde auf sie – und eine kleine Wohnung. Der Hausrat, den sie haben retten können, wird ihnen aus England nachgeschickt. Das Organisatorische läuft also. Nicht zuletzt deshalb, weil Ruth sich um alles gekümmert hat. Wer hätte es auch sonst tun sollen? Ilse ist erst 15 und die Eltern, Karl und Martha, sind mit Alltagsangelegenheiten ziemlich überfordert. Vielleicht haben sie sich daheim in Krefeld zu sehr auf ihre Bediensteten verlassen und dabei verlernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Meyers müssen wieder bei Null anfangen
Jetzt ist alles weg: das Personal, das Vermögen, das Haus und der gute Name. In den Staaten sind sie niemand und müssen bei Null anfangen. Wie soll das gehen? Der Vater ist über 50, sehbehindert und spricht viel zu schlecht Englisch, als dass er noch einmal in seinem Beruf als Handelsvertreter durchstarten könnte. Mutter Martha ist ein zartes Luxusgeschöpf mit einem Hang zu Oper, Drama und Depressionen. Teenager Ruth ist seit Jahren de facto das Familienoberhaupt.

Einen Schulabschluss hat Ruth in Deutschland nicht mehr machen dürfen. Den Traum vom Medizinstudium kann sie also knicken. Sie wird Geld verdienen, die Familie über Wasser halten und dafür sorgen müssen, dass wenigstens Ilse die Schule abschließt und studieren kann. Dass sich der Vater im neuen Land schwertun wird, zeigt sich schon daran, dass er gleich zweimal auf Betrüger hereinfällt, noch ehe die Familie überhaupt in Chicago angekommen ist.

Neue Welt und neue Sorgen
Schon bei einem kurzen Zwischenstopp bei einer entfernten Verwandten in New York bekommt Ruth einen Vorgeschmack auf das, was sie in der neuen Heimat erwartet. Die Frauen hier sind so elegant gekleidet und geschminkt wie Filmstars, selbst wenn sie nur ins Büro gehen. So muss sie auch werden, selbst wenn ihr konservativer Vater im Viereck springt. Und man kann hier arbeiten und auf der Abendschule seinen Schulabschluss nachholen. Das klingt nach einem Plan.
Doch das erhoffte Gefühl von Erleichterung, jetzt, da sie in Sicherheit sind, will sich bei Ruth nicht einstellen. Zu fremd und ungewohnt ist alles. Werden sie überhaupt Arbeit finden? Gibt’s auch in Amerika Antisemitismus? Werden sie am Ende doppelt angefeindet werden, als Juden und als Deutsche? Und mit Ihrem Englisch aus Essex kommt sie in Chicago auch nicht sehr weit.

Die Familie Gompetz, die schon Jahre vor den Meyers nach Chicago gegangen sind, hilft beim Eingewöhnen und hat auch gleich eine Liste mit möglichen Arbeitgebern bereit. Nach einigen Rückschlägen finden Vater und Tochter einen Job. Karl als Haus-zu-Haus-Vertreter, Ruth als Näherin in einer Bekleidungsfirma, wo sie sich mit ein paar Kolleginnen anfreundet. Die stellen zwar erschreckend naive Fragen über Europa, zeigen ihr aber vieles vom American Way of Life.

Eddie wirbt um Ruth
Halt finden Meyers hauptsächlich bei den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Die nahezu gleichaltrige Rachel Schwartz wird Ruths engste Freundin. Über Rachel lernt Ruth im Frühjahr 1942 den Elektroingenieur Eddie Elcott kennen. Er umwirbt sie, aber sie will zunächst nichts von ihm wissen. Weil er aber ein Freund von Rachels Verlobtem ist, laufen sie sich immer wieder über den Weg, und Ruth stellt bald fest, dass er gar nicht so übel ist. Ein bisschen extrovertiert vielleicht, aber klug, humorvoll und immer ein Gentleman. Warum er nie über seine Familie spricht, wird ihr erst klar, als er ihre kennenlernt: Eddie stammt aus einfachsten, um nicht zu sagen prekären Verhältnissen. Ruth ist längst in ihn verliebt, für sie spielt das keine Rolle, wohl aber für ihn und für ihre Eltern.

Ruth hat mit ihrer Liebe zu Eddie ein ganz anderes Problem: Er ist Soldat und kann jeden Moment eingezogen werden. Sie weiß, was Krieg bedeutet. Was, wenn er nicht wiederkommt? Einen weiteren Verlust könnte sie nicht ertragen! Nur scheint das niemand zu verstehen. Immer wieder muss Ruth sich für ihre Gefühle, Beweggründe und ihr Handeln rechtfertigen. Den Freunden und Verwandten, die bereits vor dem Krieg in die USA gegangen oder schon dort geboren sind, kommt sie manchmal vor wie eine Frau von einem anderen Stern. Sie können sich nicht ansatzweise vorstellen, was sie erlebt und was sie geprägt hat.

Ihre Vergangenheit wird Ruth nie wieder los. Wird sie es trotzdem schaffen, die „normale Amerikanerin“ zu werden, die sie so gerne sein möchte?

Trotz Trauma weitermachen
Auch ohne die permanente Gefahr für Leib und Leben, wie sie in den ersten drei Bänden für Ruth und ihre Familie bestand, ist dieses Buch mitreißend. Aus dem Kriegs- wird ein Auswandererdrama. Wie schafft man es, mit diesen traumatisierenden Erfahrungen im Gepäck, in der Fremde noch einmal ganz von vorn anzufangen? Die zielstrebige Ruth krempelt die Ärmel hoch und packt die Sache an wie alles im Leben: mit Mut, Energie und Engagement. Die introvertierte Ilse wurstelt sich still und leise durch und Papa Karl erweist sich als überraschend anpassungsfähig. Am meisten verblüfft wohl Mutter Martha: Sie blüht in den USA regelrecht auf. Drei Bände lang haben wir sie nur als heulendes Elend erlebt, das die Verantwortung für die Familie ohne jede Skrupel ihrer halbwüchsigen Tochter aufgebürdet hat. Jetzt, da sie wieder Kontrolle über ihr Leben hat, kommt sie wunderbar zurecht.

Und jetzt noch ein Kulturschock
Ich hatte die ganze Zeit über den cleanen Schick aus den amerikanischen Filmen der frühen 50er-Jahre vor Augen und stellte mir vor, wie die Meyers, die ja direkt aus der Hölle kommen, staunend und überwältigt durch diese neue Welt stolpern und wissen, dass sie sich jetzt ganz schnell anpassen müssen, weil der Zug sonst ohne sie abfährt. Zu allem, was sie schon durchgemacht haben, kommt nun auch noch ein Kulturschock. Der aber ist zu verkraften.

Ein wirklicher Schock für die Leser ist der harte Schnitt zum Leben der Freunde und Angehörigen, die in Krefeld geblieben sind. Deren Schicksal ist so furchtbar, wie es zu erwarten war.

Eine großartige Frau
Über Ruth, ihre Familie und ihr Engagement – dass die schrecklichen Ereignisse der N a z i z e i t nie in Vergessenheit geraten mögen, war ihr Zeit ihres Lebens ein wichtiges Anliegen – hätte es bestimmt noch unendlich viel zu erzählen gegeben. Aber irgendwann ist auch die packendste und berührendste Buchreihe zu Ende. Ich unterschreibe auf jeden Fall das, was auf Innenseite des Buchcovers steht: „Ruth war eine großartige Frau, mutig und liebevoll“. Dies ist ihre Geschichte.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion.
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