Enno Janßen: Der Inselvogt von Memmert. Eine einsame Nordseeinsel, die Vögel und ich

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Vandam
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Enno Janßen: Der Inselvogt von Memmert. Eine einsame Nordseeinsel, die Vögel und ich

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Enno Janßen: Der Inselvogt von Memmert. Eine einsame Nordseeinsel, die Vögel und ich, München 2021, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-21492-3, Klappenbroschur, 218 Seiten mit Farbfotos, Format: 13,6 x 1,77 x 21 cm, Buch: EUR 16,99 (D), EUR 17,50 (A), Kindle: EUR 14,99.

„[Die Insel] Memmert ist tabu, für Urlauber und Freizeitkapitäne, aber auch für meine nächsten Nachbarn auf Borkum und Juist. (...) Was gibt es auf der verbotenen Insel zu sehen, was keiner sehen darf (außer mir)? Und wie kommt der Inselvogt eigentlich so zurecht? Ist der Mann vom ewigen Meeresrauschen und Vogelkreischen nicht längst verrückt, trunksüchtig, zumindest wunderlich geworden oder führt er – immerhin auch möglich! – eine beneidenswerte Existenz?“ (Seite 11/12)

Keine Ahnung, ob Enno Janßen der alleinige Verfasser ist oder ob er einen genialen Co-Autor/Ghostwriter hatte – jedenfalls habe ich noch nie mit einem solchen Vergnügen ein Buch gelesen, in dem praktisch nichts passiert. :-D Stattdessen berichtet hier ein Mann mit großer Begeisterung von seiner Arbeit als Vogelwart auf einer kleinen Nordsee-Insel zwischen Borkum und Juist.

Der einzige Mensch auf der Insel
Von Anfang März bis Ende Oktober ist er jeweils dort – und er ist der einzige menschliche Bewohner. Außer ihm gibt es auf Memmert nur Kaninchen, Mäuse und 60 bis 70 Brutvogelarten. Zudem machen im Lauf des Jahres bis zu 100.000 Zugvögel („Rastvögel“) auf der Insel Station. Enno Janßen zählt und beobachtet sie und protokolliert jede Veränderung. Tag für Tag streift er über das gut fünf Quadratkilometer große Memmert und schützt seine einzigartige Fauna und Flora – wobei er in natürliche Vorgänge nur sehr begrenzt eingreifen darf. Es gehört zu seinen Aufgaben, angeschwemmten Müll aufzusammeln, der den Tieren gefährlich werden könnte, aber es ist ihm nicht erlaubt, an der Landschaft etwas zu verändern. Er dürfte zum Beispiel keinen Teich anlegen und auch keinen Sandhügel aufschütten. Die Insel soll so weit wie möglich sich selbst überlassen bleiben. Er ist nur Beobachter. Das gilt auch für den Umgang mit verletzten Tieren.

Ganz von aller Welt verlassen ist der Vogelwart auf seiner Insel aber nicht. Er hat ein Handy, Satelliten-Fernsehen – und eine Musikanlage hat er als ehemaliger Schlagzeuger natürlich auch mitgenommen. Ungefähr zweimal im Monat fährt er aufs Festland um seine Familie zu sehen und der Zivilisation nicht gänzlich abhanden zu kommen. Seit 2003 macht er das schon.

Improvisieren ist alles
Stress, Hektik und der Lärm des Festlandes fehlen ihm auf seiner Insel nicht im Geringsten. Manchmal wäre es allerdings nicht schlecht, helfende Hände zu haben oder ein Gegenüber, zu dem man angesichts eines spektakulären Sonnenuntergangs sagen könnte: „Ist das nicht schön?“ Doch im Grunde genießt er die Einsamkeit. Er kann gut allein sein und freut sich, wenn er seine Gedanken ungestört zu Ende denken kann, weil ihm niemand dreinredet. Das Alleinsein muss man als Inselvogt (ab)können. Und reparieren und improvisieren können muss man auch! Wenn die Technik streikt und beispielsweise der Strom ausfällt, ist man auf sich gestellt.

Wie man Vögel zählt
Janßens Arbeit wird bestimmt durch den Jahreslauf und den Rhythmus der Natur. Ein Inselvogt braucht keine Uhr. „Zeit in unserem Sinne gibt es auf Memmert nicht, weil der Vorrat an Zeit hier unerschöpflich ist. Dies wiederum könnte daran liegen, dass ein Tag hier tatsächlich ein Tag ist – also kein in Stunden und Minuten zerrupftes Etwas, mit Pflichtterminen gespickt, sondern ein Kontinuum, ein durchgehendes, fließendes, vollendetes Ganzes. Raum ist hier alles, Zeit bedeutet nichts, und wer klug ist, überlässt sich bei allem, was er tut, den Einflüsterungen der Insel.“ (Seite 49)

Wie zählt man eigentlich Vögel? Wenn man sich ihnen nähert, fliegen sie hysterisch kreischend weg – okay, alle bis auf die Löffler, die haben da etwas mehr Contenance –, greifen einen womöglich an oder kacken einen voll. Und woher weiß man, welche Nester man schon gezählt hat und welche nicht? Die sind ja nicht ordentlich nacheinander aufgereiht, da muss man doch ziemlich schnell durcheinander kommen, oder? Nun, dafür gibt’s Methoden, Tricks und – Nudeln.

Wie wird man Inselvogt?
Welcher Typ Mensch man sein muss, um so Leben führen zu können und zu wollen, wird recht schnell klar: man muss die Natur, die Einsamkeit und das einfache Leben mögen, abenteuerlustig, freiheitsliebend und technisch begabt sein, nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sein und einen Hang zum Provisorischen haben. Aber wie kommt man auf die Idee, sich beruflich auf eine einsame Insel zurückzuziehen? Und über welche Ausbildung muss man verfügen, um Vogelwart werden zu können?

Die Vorgeschichte kommt relativ spät im Buch. Da macht’s der Autor spannend. Er stammt aus einer Fischerfamilie, wenn auch seine Eltern in einer anderen Branche tätig waren. Viel beschäftigte Erwachsene – freie Kinder! „Ich war überall zuhause, solange es nur draußen war, in der Natur, unter freiem Himmel.“ (Seite 112) Man könnte neidisch werden, wenn Janßen von seiner Jugend erzählt. Aber damals auf dem Dorf war das eben so.

Mit sechzehn hat er eine Ausbildung als Bauzeichner beim Amt für Küstenschutz begonnen und in der Zeit erstmals die Vogelinsel Memmert besucht und war spontan hingerissen von der lebendigen, unversehrten, ungezähmten Natur dort. Seinem Kumpel erklärt er schon damals: „Da möchte ich irgendwann arbeiten. Diese Insel ist etwas ganz Besonderes.“ (Seite 118)

Bis es so weit kommt, gehen aber noch einige Jahrzehnte beim Amt für Küstenschutz ins Land. Erst als der bisherige Inselvogt, der streitbare Reiner Schopf, in den Ruhestand geht und ein Nachfolger gesucht wird, bewirbt sich Janßen – und bekommt den Job, den er nun schon seit 18 Jahren mit so viel Freude macht. Ein paar Jahre hat er ja noch bis zum Ruhestand. Und dann werden wir sehen, wer die Nachfolge antritt. Den Job hat übrigens in den 50er-Jahren eine Frau gemacht. Ich sag’s nur.

Freude am Beruf
Ich blicke ja für mein Leben gern hinter die Kulissen anderer Berufe! Wenn jemand seine Tätigkeit mit Freude ausübt, könnte ich mir von diesem Menschen ohne Ende Geschichten und Anekdoten aus dessen Arbeitswelt erzählen lassen. Wenn der Job mit der Natur zu tun hat, umso besser. Enno Janßen hat viel über das Leben und über seine Tätigkeit nachgedacht und bringt seine Erkenntnisse ohne Umschweife auf den Punkt. Das hat streckenweise etwas Philosophisches, ohne jemals abgehoben zu wirken. Und wenn er während des Erzählens meint, auf dieses oder jenes Thema komme er später zurück oder jenes hätte er uns eigentlich schon viel früher erzählen sollen, fühlt man sich von ihm geradezu persönlich angesprochen.

Der Funke springt über
Ich habe den Autor vor kurzem im Fernsehen in einer Live-Talksendung gesehen, und er war genau so unkompliziert und bodenständig, wie ich ihn mir anhand des Buchs vorgestellt hatte. Ich habe weder eine besondere Affinität zur Nordsee noch zur Vogelwelt, aber dieses Buch fand ich ganz großartig. Hier hat ein Mensch seine Aufgabe im Leben und seine persönliche „Nische“ gefunden und seine Freude daran springt auf die Leser*innen über. Und die Fotos zeigen, dass er bei seinen Beschreibungen der Schönheit der Insel kein bisschen übertreibt. Aber das hätten wir ihm auch gar nicht unterstellt.

Der Autor
Enno Janßen wurde 1961 an der Nordseeküste geboren, sein Vater stammte aus einer Fischerfamilie. Von Kindesbeinen an träumte er vom Leben auf einer einsamen Insel. Seit 2003 ist er Inselvogt auf Memmert, wo er den Großteil des Jahres verbringt.
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