Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Die Spur der Wölfe. Ökothriller

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Vandam
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Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Die Spur der Wölfe. Ökothriller

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Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Die Spur der Wölfe. Ökothriller. Marco Gherardini ermittelt, Band 3, OT: Tempo da elfi, aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim, München 2020, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, ISBN 978-3-442-71773-6, Softcover, 314 Seiten, Format: 11,9 x 2,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.

Was hier als Ökothriller verkauft wird, halte ich für einen italienischen Regionalkrimi. Bei einem Thriller stehen Tat und Täter im Mittelpunkt, bei einem Krimi die Ermittler und deren Tätigkeit. Und hier sucht über 300 Seiten lang ein junger Forstinspektor einen Mörder. „Öko“ ist allenfalls die Aussteigerkommune, in deren Umfeld er sich umhört. Aber gut ...

Hausbesetzer im Apennin
In uralten, verlassenen Dörfchen in den Wäldern des Apennin wohnen seit Jahren schon Aussteiger:innen aus halb Europa. Legal ist diese Art der Hausbesetzung sicher nicht, aber danach fragt niemand. Die Leute, die sich nach Tolkiens HERR DER RINGE „Elben“ nennen, träumen von einer besseren Welt ohne Konsumdenken und leben in einer naturverbundenen Selbstversorgungsgemeinschaft mit Tauschhandel – und ohne Strom und fließendes Wasser.

Die Elben kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, aber nicht alle „Ureinwohner“ wollen sie in ihrer Nähe haben. Dem Wirt der Trattoria sind sie zu schmuddelig, und manch ein Nebenerwerbslandwirt fürchtet, sie könnten ihm Hühner oder Ziegen klauen oder das Jagdgewehr.

Forstinspektor Marco Gherardini, 32, Spitzname „Bussard“, hat zu den Elben keine spezielle Meinung. Sie sind eben da. Allzu viel hat er nicht mit ihnen zu tun. Das ändert sich, als der Rentner Paulino bei der Suche nach einer entlaufenen Ziege eine Leiche findet. Am Fuß eines Abhangs liegt ein junger Mann, an dem schon Tiere genagt haben.

Ein unbekannter Toter
Statt zu den Carabinieri zu gehen, die für solche Fälle zuständig sind, alarmiert Paulino den Forstinspektor, weil er ihn kennt. Und der gibt sich nicht mit so einfachen Erklärungen zufrieden wie: „Landstreicher ohne Papiere, nachts im Wald tödlich verunglückt.“ Gherardini will dem Toten wenigstens seinen Namen zurückgeben und, wenn möglich, klären, wie und warum er im Wald ums Leben gekommen ist. Man hat in der Todesnacht Schüsse gehört, und das muss einen Grund haben.

Der unbekannte Tote ist zwar wie ein Elbe gekleidet, doch scheint ihn niemand aus der hiesigen Gemeinschaft zu kennen. Vielleicht ein Auswärtiger, der wegen des Kürze stattfindenden Festivals angereist ist?

Der Forstinspektor ermittelt
Auch wenn Gherardini derzeit andere Sorgen hat – seine Forstinspektion soll aufgelöst werden und seine berufliche Zukunft ist ungewiss – und man ihn anweist, die Sache als Unglücksfall zu Akten zu legen, macht er weiter und taucht bei seinen unautorisierten Ermittlungen tief in die Lebens- und Gedankenwelt der Elben ein. Mit einer der jungen Frauen, der zwanzigjährigen Elena, beginnt er eine Liebesaffäre und hat die ganze Zeit über ein schlechtes Gewissen, weil sie ja etwas mit dem Tod des Unbekannten zu tun haben könnte.

Ein Dorf voller Geheimnisse
Manch einer scheint sich komplett neu erfunden zu haben, als er der Gemeinschaft der Elben beitrat. Nicht jeder ist das, was er zu sein vorgibt. Wer waren die beiden Männer, die man in besagter Nacht laut auf Deutsch streiten hörte? Wer in der Kommune spricht diese Sprache? Jetzt wird der Bussard schon ein bisschen paranoid und hat alle in der Gemeinde auf dem Kieker, die einmal im deutschsprachigen Raum gelebt und gearbeitet haben, ob Elbe oder nicht.

Hm ... der bleiche junge Künstler, der die diese tollen Masken herstellt, hat doch auch etwas zu verbergen, oder? Und wozu braucht eigentlich ein pazifistischer Elbe eine Schusswaffe? Einer der Männer besitzt eine. Als Gherardini ihn unverblümt darauf anspricht, erlebt er eine faustdicke Überraschung. Und so langsam kommt Bewegung in den Fall ...

Schicksale und Naturverbundenheit
Stark finde ich den Roman immer dann, wenn es um die Liebe und die Verbundenheit zur Natur geht. Wie der Inspektor über Stock und Stein wandert, um einen Verdächtigen aufzuspüren oder wie er tagelang durch die Wälder streift, um den Kopf freizukriegen, das ist so wunderbar beschrieben, das erlebt man mit allen Sinnen mit. Auch die Brüche in den Biographien, die die Menschen in dieser entlegenen Gegend stranden ließen, sind faszinierend. Der Fall und dessen Auflösung allerdings ... nun ja.

Skepsis ist angebracht
Ich bin immer skeptisch, wenn vorausgesetzt wird, dass jemand eine größere Personengruppe inklusive ihm nahestehende Menschen über längere Zeit hinweg täuschen kann. Klar, es gibt Geheimagenten, Undercover-Polizisten, Fremdgänger und Hochstapler (m/w/d), aber der Mensch, um den es hier geht, ist nichts dergleichen. Es hätte einer übermenschlichen Anstrengung bedurft, sich derart zu verstellen.

Was ich nicht wusste, als ich das Buch auswählte: DIE SPUR DER WÖLFE ist Band 3 einer Reihe. Deshalb vermutlich auch das ausufernde Personenverzeichnis am Anfang. Fast 50 Menschen und eine Ziege werden aufgelistet und kurz charakterisiert. Hauptfiguren stehen hier gleichberechtigt neben Statist:innen, die nur mal schnell eine Zeitung verkaufen dürfen und danach nie wieder auftauchen. Das weiß man aber nicht, wenn man mit der Lektüre beginnt und ist von der Personalfülle erst einmal überfordert.

Wahnsinnig viele Personen
Praktisch wäre es gewesen, wenn man die Personen entweder nach Gruppenzugehörigkeit sortiert hätte – Forstinspektion, Carabinieri, Dorfbewohner, Elben ... – oder eben alphabetisch. Wenn man jetzt während des Lesens unsicher wird, ob man Giacomo nicht mit Giovanni, Guido oder Giuseppe verwechselt, muss man das gesamte vierseitige Verzeichnis durchsuchen, und so rasend übersichtlich ist das nicht.

Ach ja: Die Geschichte spielt ja wohl in der Gegenwart. Wäre es sehr aufwändig gewesen, zu recherchieren, wie man in Deutschland vor rund zwanzig Jahren seine Kinder benannt hat? Dann würden die Figuren vermutlich Laura, Lukas, Jan und Tim heißen und nicht diese unpassend angestaubten Vornamen aus der Nachkriegszeit tragen.

Ich gehe davon aus, dass weitere Bände geplant sind und wir erfahren werden, wie es beruflich für Marco Gherardini weitergeht. Ich würde einen Folgeband mit diesem Protagonisten lesen. Nur weiterhin so inflationär von der Redewendung „das ist eine lange und komplizierte Geschichte“ Gebrauch macht, nämlich immer dann, wenn er keinen Bock hat, etwas zu erklären, kündige ich ihm die Freundschaft. ;-)

Die Autoren
Francesco Guccini, Jahrgang 1940, zählt zu den bedeutendsten italienischen Liedermachern.
Loriano Macchiavelli ist erfolgreicher Krimiautor. Beiden leben im rauen Apennin, den sie in ihren gemeinsamen Büchern so wunderbar charakterisieren.
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